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43 Personen aus Großenhain und Riesa besuchten Anfang Juni die Oberammergauer Passions-spiele. Wir waren und sind begeistert von dem Engagement der Oberammergauer und der hohen Professionalität dieses größten Laienspiels Deutschlands. Aller 10 Jahre wird in dem kleinen oberbayerischen Dorf Oberammergau das Passionsspiel aufgeführt. Diese Tradition geht auf ein Gelübde zurück, welches 1633 vom Gemeinderat ausgesprochen wurde. Zu jener Zeit war die Pest nach Oberammergau gekommen. Da man sich das Auftreten der Pest nicht anders erklären konnte, hielt man Gott für den Urheber der Pest. Um den zornigen Gott zu besänftigen, gelobte man, aller 10 Jahre das Leiden und Sterben Jesu aufzuführen. Ein entsprechendes Gelübde wurde auch in anderen süddeutschen und österreichi-schen Städten und Dörfern abgelegt. Aber nur die Oberammergauer haben es bis zum heutigen Tag geschafft, diesem Gelübde die Treue zu halten (bis auf zwei Ausnahmen: 1770 und 1940).
In diesem Jahr ist es die 41. Aufführung der Passion. Von den über 5000 Oberammergauer Einwohnern haben über die Hälfte eine Aufgabe in der Passion. Viele von ihnen beteiligen sich schon seit Kindertagen. Mitspielen darf, wer in Oberammergau geboren ist oder mindestens 20 Jahre in Oberammergau lebt. Evangelische Christen dürfen seit 1990 in den Hauptrollen mitspielen. Insgesamt spielen etwa 1800 Frauen und Männer und etwa 600 Kinder mit. Die 21 Hauptrollen sind doppelt besetzt. Vom 15. Mai bis 3. Oktober gibt es 102 Aufführungen. Zu jeder Aufführung sind ca. 4.700 Zuschauer anwesend – fast soviel Menschen, wie das Dorf Einwohner hat.
Der Spielleiter Christian Stückl (48 Jahre) inszenierte schon die Passionsaufführungen von 1990 und 2000. Er prägt nun zum dritten Mal mit seiner Handschrift die Passion. Überwältigend war für uns der selbstbewusste Jesus, der inmitten von politischen und religiösen Führern seine neue Lebenshaltung einbringt. Für die diesjährige Aufführung schrieb Stückl – zusammen mit dem Dramaturgen Huber – 80% des Textes des ersten Teiles neu. Stückl wollte nicht nur das Leiden und Sterben Jesu zeigen, sondern auch die Person Jesus mit seiner Botschaft deutlich werden lassen. Jesus erzählt seine Botschaft – packend und selbstbewusst. Es sind Sätze der Bergpredigt, die Jesus den Menschen seiner Zeit weitergibt und die ihnen neuen Lebensmut schenken sollen.
Die Tatsache, dass Jesus ein Jude war, will Stückl sehr deutlich zum Ausdruck bringen. Jesus öffnet und erhebt im Tempel die Thora-Rolle, das ganze Volk singt sein Glaubensbekenntnis mit hebräischen Worten, beim Abendmahl steht ein siebenarmiger Leuchter auf dem Tisch, beim Brotbrechen spricht Jesus die Worte zum Brot auf Hebräisch. Bis 1980 waren noch antijüdische Texte im Spiel – das ist nun endlich überwunden!
Bei der größten Massenszene stehen 800 Personen auf der Bühne. Doch in welches Gesicht wir auch geschaut haben, jeder einzelne Mitspieler ist mit hoher Konzentration dabei, von den kleinsten Kindern bis zu hochbetagten Personen (der Älteste ist über 90 Jahre). Gewiss ist die Passion ein Event für das Dorf, auch ein wirtschaftlicher Faktor, aber es ist ein Ereignis, wofür jeder Beteiligte brennt und welches sie verbindet.
Am letzten Tag hatten wir die Gelegenheit, Stückl selbst in einer Werkeinführung kennenzulernen; anschließend konnten wir mit ihm allein sprechen . Wir haben ihn als einen Menschen mit einer unglaublichen Begeisterung erlebt. Christian Stückl hat eine Ausstrahlung, die auf Menschen übergeht – zuerst auf die Mitspieler, aber auch auf uns Besucher. Begeisterung macht Großes möglich.
Dieter Kröhnert ist Pfarrer in der Kirchgemeinde Riesa
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