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Von Frank Seffer

Das Wertvolle im Leben ist meist verborgen. Was ich an Dingen und Menschen hatte, erfasse ich oft erst wenn sie
nicht mehr da sind. Da steht diese alte hölzerne Truhe in der Kirche zu Strauch. Grob behauen. Keine edlen Beschläge.
Ich öffne den Deckel und schaue neugierig, was dort wohl verborgen sein wird. Ein Schatz ?
Gähnende Leere – sonst nichts. Enttäuscht schließe ich die Truhe wieder.
Wenn diese Truhe reden könnte ! Bei näherer Untersuchung entdecke ich ins Holz eingeritzte Zahlen. Wohl von
Kinderhand „1888“. Und dann noch : „P.S. 1584 23 Janvari“. Einige hundert Jahre und mehrere Kriege hat diese Truhe
überlebt. In aller Einfachheit liegt ihr Wert nicht im Material, sondern in ihrem Alter – ebenso wie der Raum in
dem sie jetzt steht – in der Kirche von Strauch. Schlicht und einfach der Raum und doch einladend zur Ruhe und
Besinnung.
Die Kirche ist etwas älter als diese Holztruhe. Im ältesten Kirchenbuch zu Hirschfeld ist folgender Eintrag zu
finden : „Anno 1470 ist der letzte heydnische Götzendienst auf dem heiligen Berge (dem sog. Questenberg zwischen
Hirschfeld und Strauch) aufgehoben worden, damit weil auf Bewilligung und Befehl des damaligen Papstes Paul III
die Hirschfelder Kirche zu bauen angefangen worden“
Annehmbar ist, dass auch Strauch in dieser Zeit eine Kirche erhielt, die 1495 in der Meissner Bistumsmatrikel
erwähnt wird. Strauch gehört damals zur Kirchgemeinde Frauenhain. 1575 wird Strauch mit der Kirchgemeinde
Hirschfeld vereint und erhält 1597 das Privileg, mit Pfarrer George
Pfahl ein Pfarramt zu gründen. Erst 1928 wird die Kirchgemeinde an das Pfarramt Skäßchen gebunden.
Die Kirchgemeinde, das Dorf, die Einwohner – sie ähneln dieser alten Truhe in der Kirche etwas - in ihrer
Einfachheit, in der liebevollen Schlichtheit, die sie durch die Jahrhunderte hindurch zu
bewahren suchten. Aller 14 Tage findet in dem Kirchlein Gottesdienst statt. Oft kommen nur
wenige Gottesdienstbesucher, aber es gibt immer wieder Menschen, die den Wert ihres
Gotteshauses kennen und schätzen. Alljährlich zum Martinstag wuselt es in der Kirche – viele
Kinder kommen mit Eltern und Großeltern. Sie hören die Geschichte vom Martin, der den Mantel
mit dem Bettler teilte. Sie teilen anschließend die leckeren Martinshörnchen. Und die Glocken rufen zum Gebet.
Hier werden die Glocken noch mit der Hand geläutet.
Im Dorf, auf dem Gelände des ehemaligen Schloßparkes gibt es einen Mäusestübchen Kindergarten. Das Herrenhaus
selbst wurde auf Regierungsbesfehl 1949 abgerissen. Zwei Wirtshäuser ziehen immer wieder hungrige und durstige
Gäste an. Ein Dorfladen hat es nicht leicht sich zu behaupten, aber es gibt ihn hier noch. Das Bäckerlädchen,
einige kleine und größere Unternehmen und das Wildgehege an der Straße nach Uebigau bestimmen das Ortsbild. Die
Freiwillige Feuerwehr ist aktiv und der Kirchenchor erfreut bei Jubelfeiern im Ort mit einem Ständchen. Manchmal
treffen sich die Pfadfinder im Straucher Wald, wo sich der Grödener Heideturm befindet. Ganz unter sich wissen die
Straucher, dass es in Wahrheit der Straucher Turm ist. Seit einiger Zeit gehört Strauch zur Stadt Großenhain. Aber
wer Strauch kennt weiß, dass ein Straucher im tiefsten Herzen Straucher bleibt, auch wenn er nun
kommunalverwaltungmäßig nach Großenhain gehört.
Eine alte, einfach gehauene Holztruhe in einer kleinen Kirche eines Dorfes zwischen weiten Feldern und Wald am
Rande der Stadt Großenhain, am Rande von Sachsen scheint zu bescheinigen, dass einfach gelebter Glaube, schlichte
Traditionen und dörflich gepflegte Nachbarschaft ein Schatz sind. Es wäre gut, wenn wir den Wert dieses Schatzes entdecken, bevor wir ihn verloren haben.

Frank Seffer ist Pfarrer in Skäßchen