| Magnificat anima mea Dominum |
|
|
Von Stephan Seltmann Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit. (Lukasevangelium, Kapitel 1, 46-55) Diesen Lobgesang stimmt Maria an, nachdem sie erfahren hat, dass sie dazu ausersehen ist, die Mutter Jesu Christi zu sein. Es ist einer der bekanntesten Texte des Neuen Testaments der Bibel, und einer der schönsten. So ist es nicht verwunderlich, dass Komponisten aller Zeiten von Orlando di Lasso (1567) bis John Rutter (1990) gerade diesen Text in vielerlei Form vertont haben. In der christlichen Liturgie krönt der Lobgesang Marias jeden Tag das Abendgebet der Kirche, die Vesper. Und in der Adventszeit am Anfang eines jeden neuen Kirchenjahres wird er besonders hervorgehoben. Vor Jahren im Rahmen eines Seminars sagte mir ein Benediktinermönch während einer Diskussion über die unterschiedlichen Betrachtungsweisen der Jungfrau Maria in der katholischen und der evangelischen Kirche, dass der schönste Kommentar, den er je über das „Magnificat“ gelesen habe, derjenige von Martin Luther sei. So möchte ich an dieser Stelle Martin Luther selber mit einigen Zitaten aus diesem Kommentar zu Wort kommen lassen. In der Einleitung dazu schreibt er: „...die zarte Mutter Christi...lehrt uns mit dem Exempel (Beispiel) ihrer Erfahrung und mit Worten, wie man Gott erkennen, lieben und loben soll.“ Dann geht er nach und nach auf die einzelnen Verse ein: Meine Seele erhebt Gott den Herrn „Das Wort geht aus großer (In)brunst und überschwänglicher Freude daher, darin sich ihr Gemüt und inwendiges Leben im Geist ganz erhebt. Darum sagt sie nicht: ich erhebe Gott, sondern: »meine Seele«, als wollte sie sagen: es schwebt mein Leben und alle meine Sinne in Gottes Liebe, Lob und hohen Freuden, dass ich, meiner selbst nicht mächtig, mehr erhoben werde, als mich selbst zu Gottes Lob erhebe; wie denn allen denen geschieht, die im Geist mit göttlicher Süßigkeit erfüllt werden, dass sie mehr fühlen, als sie sagen können.“ Er hat große Dinge an mir getan „Sie zählt auch keine Güter insonderheit auf, sondern fasset sie mit einem Wort alle zusammen und sagt: »Er hat große Dinge an mir getan«, das ist: es ist alles groß, was er mir getan hat. Damit lehrt sie uns, dass je größer die Andacht im Geiste ist, sie desto weniger Worte macht. Denn sie fühlt, wie sie es gar nicht mit Worten erreichen kann, wie sie wohl gedenkt und gerne wollte...Die großen Dinge sind nichts anderes, als dass sie Gottes Mutter geworden ist, in welchem Werk ihr so viele und große Güter gegeben sind, dass niemand sie begreifen kann.“ Und seine Barmherzigkeit währet von einem Geschlecht zum andern, bei denen, die ihn fürchten „Nun sie von sich und ihren Gottesgütern aus gesungen und Gott gelobt hat, spaziert sie nun durch Gottes Werke, die er insgemein in allen Menschen wirkt und singet ihm davon auch; lehret uns die Werke, Art, Natur und den Willen Gottes recht erkennen.“ „Das sind die rechten Gottesfürchtigen, die sich keines Dinges würdig dünken, wie gering es sei, gern vor Gott und Welt nackt und bloß sind, was sie aber davon haben, nur als aus lauter Gnade denen ohne Verdienst gegeben, mit Lob, Dank und Furcht brauchen gleich wie Güter Fremder. Sie suchen nicht ihren, sondern allein dessen Willen, Lust, Lob und Ehre, des sie sind.“ Er denket der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf „Nach den Gotteswerken an ihr und allen Menschen kommt Maria wieder auf den Anfang und das Erste und beschließt das Magnificat mit dem allergrößten Werk aller Werke Gottes, das ist die Menschwerdung des Gottessohnes.“ Martin Luther beschließt seinen Kommentar mit den Worten: „Hier lassen wir’s für diesmal bleiben und bitten Gott um rechtes Verständnis dieses Magnificat, das da nicht allein leuchte und rede, sondern brenne und lebe in Leib und Seele. Das verleihe uns Christus durch Fürbitte und Willen seiner lieben Mutter Maria! Amen.“ Wer Interesse hat, den ganzen Kommentar zu lesen, findet ihn z.B. auf www.sermon-online.de. Johann Sebastian Bachs Vertonung des „Magnificats“ erklingt am Vorabend des zweiten Advents, dem 3. Dezember 2011 um 19.30 Uhr in der Trinitatiskirche Riesa, gesungen und gespielt von der Kantorei Riesa und der Neuen Elbland Philharmonie. Stephan Seltmann ist Kantor in der Kirchgemeinde Riesa |